Digitale Ökosysteme im Gesundheitswesen

16
Jun

In zahlreichen Industriezweigen haben digitale Ökosysteme bereits Verbreitung gefunden. Zum Beispiel im Banking oder im Handel haben Plattformökosysteme in den vergangenen Jahren zu radikalen Veränderungen geführt. Digitale Ökosysteme im Gesundheitswesen: Die Gesundheitsbranche wirkt dagegen noch etwas verschlafen mit ihren Faxgeräten und Patientenakten auf Papier. Doch lange wird das nicht mehr so bleiben.

Das Ökosystem vieler Seen verändert sich durch den Klimawandel rapide. Ähnlich ergeht es vielen digitalen Ökosystemen im Gesundheitswesen durch die aktuelle Gesetzgebung.

Artikel über digitale Ökosysteme beginnen häufig mit der biologischen Definition eines Ökosystems:

„Ein Ökosystem besteht aus einer Lebensgemeinschaft von Organismen mehrerer Arten und ihrer unbelebten Umwelt.“

Auch im Gesundheitswesen funktioniert das sehr gut. Stellen wir uns also einen See als kleines Ökosystem vor. In diesem Ökosystem ist das Wasser vergleichbar mit der Plattform in einem digitalen Ökosystem. Über sie findet sämtlicher Austausch zwischen den Bewohnern des Ökosystems statt. Die Fische und Insekten stellen wir uns als Ärzte, Krankenkassen, Patienten, Hersteller von Klinikinformationssystemen oder Praxisveraltungssystemen sowie Medizintechnik- und Pharma-Firmen vor. Natürlich ist ein Ökosystem nie ein abgeschlossenes System, sondern es befindet sich in der Regel im Austausch mit seiner Umwelt. Genau, wie unser See Zulauf aus einem Bach erhält oder Insekten, die sich über die Luft in andere Ökosysteme bewegen, ihre Eier darin ablegen, so werden digitale Ökosysteme häufig von der Umwelt beeinflusst. Durch die Änderung von Gesundheitsgesetzen, durch neue Player (wie z.B. Digital Health Startups), die in das Ökosystem vordringen und vieles mehr. Diese Einflüsse können auf alle Beteiligten bereichernde, aber auch vernichtende Auswirkungen haben. Trotz oder gerade wegen dieser Auswirkungen versuchen viele digitalen Ökosysteme sich gegen Einflüsse von außen abzuschotten, indem sie für den Eintritt zum Ökosystem hohe Hürden wie horrende Summen für die Verwendung von Schnittstellen oder den Verzicht auf anerkannte Standards errichten. Ein Schutzmechanismus, aber so wie man nicht voraussagen kann, was mit unserem See passiert, wenn wir den Bachzulauf mit einem Gitter versperren oder ein großes Moskitonetz darüber spannen, so kann auch niemand im Voraus wissen, was die erwähnten Hürden für unser digitales Ökosystem bedeuten.

Digitale Ökosysteme im Gesundheitswesen: Ökosystem und Plattform – Was ist der Unterschied?

Eine nicht ganz triviale Frage. Das Ökosystem beschreibt die Gesamtheit einer Umgebung, in der verschiedene beteiligte Parteien miteinander interagieren, Symbiosen eingehen, Rivalitäten ausfechten oder Stoffe und Informationen untereinander austauschen, kurz miteinander leben. Die Plattform ist das Medium in dem und über das dieses Miteinander geschieht und abgebildet wird. Die Unterscheidung von Ökosystem und Plattform ist nicht immer ganz einfach, auch weil ein Ökosystem in der Regel nicht ohne Plattform funktioniert. So funktioniert unser See nicht ohne das Wasser und das Apple Ökosystem nicht ohne das iPhone und dessen Betriebssystem iOS. Letzteres Beispiel zeigt uns auch die Grenzen der Vergleichbarkeit von biologischem und digitalen Ökosystem. Das, was wir als Plattformbetreiber im digitalen Bereich bezeichnen, existiert in dem Sinne in einem biologischen Ökosystem nicht. Das Wasser in einem See wird nicht von einem Teilnehmer im Ökosystem gesteuert, es ist neutral gegenüber den Wünschen seiner Bewohner. Das ist bei digitalen Ökosystemen anders. Der Betreiber der Plattform ist in der Regel auch Bewohner des Ökosystems und verfolgt durchaus aktiv eigene Interessen. Ein wichtiger Grund für viele Probleme, die bei digitalen Ökosystemen insbesondere auch in der Gesundheitsbranche auftreten. Die Art der Probleme unterscheidet sich je nachdem, ob der Plattformbetreiber ein zentraler Anbieter, ein Konsortium von bestimmten Teilnehmern oder aber in einem verteilten Modell sogar eine Vielzahl der Teilnehmer ist.

Welche Ökosysteme gibt es in der Gesundheitsbranche?

Beginnen wir mit dem in Deutschland am weitesten verbreiteten digitalen Ökosystem: die Gematik. Die Plattform in diesem Ökosystem ist die Telematikinfrastruktur. Der Betreiber der Plattform ist ein Konsortium aus Politik (Bundesministerium für Gesundheit), Spitzenvereinigungen der Leistungserbringer (z.B. Kassenärztliche Bundesvereinigung) und der Kostenträger (Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen). Über ihre Konnektoren, Versichertenkarten und Heilberufausweise nehmen die verschiedenen Akteure des Gesundheitswesen am Ökosystem teil. Mit dem Interoperabilitätsverzeichnis vesta soll auch anderen Anbietern der Zugang zum Ökosystem ermöglicht werden. Davon wird auch Gebrauch gemacht. Im vesta findet sich eine Vielzahl Projekte, die den Standards des Ökosystems folgen. Trotzdem sind die Hürden für die Teilnahme sehr hoch. Die Aufnahme ins vesta ist kompliziert und teuer. Der Sicherheitsaspekt mag das zu einem gewissen Grad rechtfertigen. Trotzdem sollte bei einem staatlich bzw. öffentlich gesteuerten System der Grundgedanke der Offenheit immer im Zentrum stehen. Zwar wird hier keine Abhängigkeit von der Plattform erzeugt, da die Dienste im vesta gar nicht die Telematikinfrastruktur nutzen. Das liegt allerdings weitestgehend auch daran, dass diese trotz langjähriger und teurer Entwicklung noch immer kaum sinnvoll verwendet werden kann. Auch das ist ein wichtiger Grund dafür, warum sich eine Vielzahl paralleler Ökosysteme entwickelt hat und  immer noch neue entstehen. Bildlich gesprochen so, wie wenn Lungenfische (Plattformteilnehmer) unseren See (das Ökosystem Gematik) verlassen und mit dem Ufer ein neues Ökosystem suchen , da das Wasser (die Plattform „Telematikinfrastruktur“) nicht genug Nahrung (Funktionen) bietet.

Digitale Ökosysteme im Gesundheitswesen: Schematische Darstellung eines patientenzentrierten Ökosystems (z.B. elektronische Patientenakte)

In gewisser Weise stellen die verschiedenen Klinikinformations- und Praxisverwaltungssysteme (allgemein Primärsystem) Ökosysteme dar. Hier ist die Plattform das Softwaresystem des jeweiligen Herstellers. Teilnehmer in diesem Ökosystem sind deren Kunden und über Schnittstellen auch zum Beispiel Medizingerätehersteller (z.b. von Röntgengeräten). Die Hersteller der Primärsysteme lassen sich diese Einbindung in der Regel jedoch mit sehr hohen Summen für die Nutzung der Schnittstelle vergüten, was den Zugang zum Ökosystem für andere Anbieter deutlich erschwert. Für den Plattformbetreiber hat das viele kurzfristige Vorteile, die langfristigen Folgen sind unabsehbar. In unserem See wäre das in etwa so, als würde das Wasser (die Plattform) einer bestimmten Fischart (dem Softwarehersteller) gehören und diese würde den Bachzulauf (die Schnittstelle) versperren. Kurzfristig ist das von Vorteil, weil keine andere Fischart (Digital Health Startups) aus dem Bach ihr die Nahrung (die Kunden) im See streitig machen kann. Aber aus dem Bach stammen vielleicht die Nährstoffe die das Wachstum der Nahrung überhaupt erst ermöglichen. Was passiert, wenn diese fehlen? Die Nahrung geht ein oder sucht nach anderen Ökosystemen. Zwar versuchen verschiedene etablierte Ökosysteme untereinander über Standards (z.B. HL7/FHIR) im Austausch zu bleiben. Trotzdem entstehen gerade neue Ökosysteme, die versuchen die Bewohner der alten Ökosysteme für sich zu gewinnen. Im Zentrum der neuen Ökosysteme steht häufig die Patienten- bzw. Gesundheitsakte.

Rund um die elektronische Patientenakte (ePA) als Plattform versuchen verschiedene Teilnehmer der Gesundheitsbranche gerade digitale Ökosysteme zu schaffen. Leider häufig gegen- statt miteinander. Da sie ab Januar 2021 gesetzlich dazu verpflichtet sind eine ePA  anzubieten, überrascht es nicht, dass die Betreiber der digitalen Akte und dem zugehörigen Ökosystem in der Mehrzahl Krankenversicherungen sind. Zu nennen sind die Techniker Krankenkasse mit dem TK Safe (in Kooperation mit dem amerikanischen IT-Konzern IBM), die AOK Nordost mit ihrem AOK Gesundheitsnetzwerk (als einzige Ausnahme mit dezentralem Ansatz) sowie die private Versicherung Allianz mit Vivy, die inzwischen auch von einigen gesetzlichen Kassen angeboten wird. Aber auch ein Hersteller der angesprochenen Primärsysteme, die Compu Group Medical, bietet eine eigene elektronische Gesundheitsakte an. Mehr als in den beiden zuvor angesprochenen Ökosystemen steht hier der Patient im Zentrum. Natürlich haben die Betreiber der verschiedenen Plattformen ein Interesse daran, dass der Patient in ihrem digitalen Ökosystem auch langfristig bleibt. Leider übersehen viele Anbieter jedoch, dass ein Ökosystem vor allem von seiner Vielfältigkeit lebt und weniger dadurch, dass es abgeschottet von allen anderen ist. Denn Interoperabilitätskonzepte zwischen den verschiedenen Plattformen und zugehörigen Ökosystemen sind quasi nicht vorhanden. Das macht es zum einen dem Patienten schwer von einer ePA zur anderen zu wechseln. Zum anderen müssen sich die Anbieter von Mehrwertangeboten (z.B. Digital Health Startups) häufig entscheiden in welchem Ökosystem sie sich bewegen möchten. Wenn wir beim Bild des Sees bleiben, kann ein Fisch (Digital Health Startup) eben nur dann im See überleben, wenn er auf den pH-Wert des Wassers (die jeweilige ePA als Plattform) angepasst ist. Ob sich hier ein Ökosystem durchsetzt oder verschiedene nebeneinander bestehen bleiben, ist derzeit noch nicht absehbar.

Digitale Ökosysteme im Gesundheitswesen: Und wohin geht die Reise?

Inzwischen versuchen auch die großen amerikanischen Plattformkonzerne (Amazon, Apple, Google, Microsoft und Facebook) ihre digitalen Ökosysteme auf die Gesundheitsbranche auszudehnen. Ein besonders beeindruckendes Beispiel ist die viel beachtete Studie zur Erkennung von Vorhofflimmern mit der Apple Watch. Die Chancen und Risiken dieser Entwicklung zu beurteilen geht über den Rahmen dieses Textes hinaus, ließe sich aber vielleicht damit vergleichen, dass unser kleiner See durch den Anstieg der Meeresspiegel vom Meerwasser überflutet werden würde.

Darstellung eines offenen, vernetzten Ökosystems (am Beispiel des prozessorientierten digitalen Ökosystem der Famedly GmbH)

Eine weitere interessante Entwicklung sind die verschiedenen Digital Health Startups, die ebenfalls digitale Ökosysteme schaffen. Häufig verfolgen diese einen offeneren Ansatz und versuchen die Brücke zwischen bestehenden Ökosystemen zu schlagen. Famedly zum Beispiel  versucht mit seinem dezentralem Ansatz, seiner neuartigen Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und den offenen Open Source Schnittstellen die Teilnehmer zu vernetzen und eben kein abgeschottetes System zu schaffen. So als würde man unterirdische Kanäle zwischen unserem und benachbarten Seen schaffen. Ein interessanter Mittelweg zwischen Versperren des Zulaufs auf der einen und Überschwemmung mit Meerwasser auf der anderen Seite. Und vielleicht eine Lösung mit der alle Teilnehmer des großen Ökosystems Gesundheitswesen am besten leben können.

Weitere Artikel zum Digital Customer Service im Gesundheitswesen:

https://marketing-resultant.de/sichere-instant-messenger-im-gesundheitswesen/

https://marketing-resultant.de/digital-customer-service-im-gesundheitswesen/

 

Über den Autor:

Dr. Phillipp Kurtz studierte Medizin an der Goethe Universität Frankfurt. Für seine Promotion lernte er programmieren und erkannte so die Chancen der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Nach dem Studium entschied er sich für den Gang nach Berlin und die Gründung eines eigenen Unternehmens. Die Famedly GmbH entwickelt heute eine digitale Softwarelösung für die Vernetzung des Gesundheitswesens. Dezentral, ende-zu-ende-verschlüsselt und Open Source.

 

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